Weniger herzliche Reibereien

Nicht nur die Pharmazeuten reiben sich angesichts der derzeitigen Entwicklungen im Pandemie-Sektor die Hände. Auch die Benimm-Experten sieht man immer öfter rubbeln. Warum? Der Stil-Newsletter aus dem VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft gibt Aufschluss. Der Tipp:

Verzichten Sie für die Zeit, in der die Schweinegrippe akut ist, auf eine Begrüßung mit Handschlag, Umarmung oder einem Küsschen. Erläutern Sie in jedem Fall taktvoll Ihr Verhalten angesichts möglicher Ansteckung. Etwa so:

”Ich hoffe, Sie haben Verständnis wegen der aktuellen Situation. Ich begrüße Sie daher heute nicht so herzlich, wie ich es gerne tun würde.”

Und sollte es doch zu Körperkontakt kommen: Sofort Hände waschen! - Sagt der Stil-Newsletter. Und wenn das nicht geht, hat man auch für diesen Fall einen taktvollen Rat parat.

Hier gibt es eine Notlösung zum Schutz vor Ansteckung: Falls Ihnen kein Waschraum zur Verfügung steht, reiben Sie eine halbe Minute lang Ihre Hände kräftig aneinander. Die Hitze tötet Erkältungsbakterien ab.

Samstag: Floskelstrategien

“Waren Sie mit dem Einkauf zufrieden?”, ist das freundliche Kassenpersonal bei Kaufland seit einigen Monaten schon angehalten, jeden einzelnen Kunden zu fragen, um ihn dann - sollte er mit einem personalisierten elektronischen Zahlungsmittel zahlen - auch namentlich in den Feierabend oder das Wochenende zu verabschieden. Was aber sollte man auf diese Frage antworten, damit es nicht eine leere Floskel bleibt? Viel habe ich bereits ausprobiert. Von “Danke, ja.” über “Alles wunderbar.” bis hin zu “Es war mit wie immer ein Fest” habe ich mittlerweile so ziemlich alle Varianten durch.

Einzig eine ebenso offen ehrliche, wie auch unerwünschte Antwort habe ich aus Zeitgründen noch nicht austesten können. “Naja. War schon ok. Ist halt ein Supermarkt hier. Hab halt wieder mehr gekauft, als ich eigentlich wollte. Aber mittlerweile kenne ich mich da ja ganz gut und kaufe zumindest nichts leicht Verderbliches mehr, das nicht auf meiner Liste steht. Außerdem hat mir eine Omma die letzten Schallotten weggekauft. Naja, selbst Schuld, was muss ich auch immer erst so spät aufstehen. Ach und zwischen den Tiefkühltruhen haben mir die Kinder von der Frau da (Fingerzeig an die Familie an der Nebenkasse) den Einkaufswagen in die Hacken gefahren. Ist aber nicht weiter schlimm. Hab ja zue Schuhe an. Dann war ich mir nicht sicher, ob ich dieses neue Toasty, sie wissen schon, das man nicht Schnitzel nennen soll, also ob da wirklich gut ist, und ob ich’s mal probieren soll. Aber ich komm ja jetzt gar nicht so schnell nach Hause, dass ich das direkt wieder einfrieren könnte. Diesen Tiefkühltüten traue ich ja nicht. Haben Sie das Toasty denn schonmal probiert? Würden Sie mit mir mal Kaffee trinken gehen?”. Das Wochenende dürfte künftig eine schnöde Frage eher beginnen.

Der neue Löwensenf ist in der Tat äußerst cremig. Sensorische Verbesserungen jedoch habe ich bislang noch nicht ausmachen können. Vielmehr stellt sich ein anderer Vorteil ein, der in der Werbung allerdings außen vor gelassen wird. Hat man nämlich Unachtsamkeit walten lassen, und ein Küchenzubehör bleibt über mehrere Tage, benetzt mit ebenjener Paste, neben der Spüle liegen, so lässt sich das Malheur Dank der neuen Konsistenz nun ohne langwierige Einweichprozeduren gerade mit einem Wisch beheben und der Küchenkosmos ist rubbeldiekatz wieder in Harmonie mit sich selbst.

Freitag: Scheitern als Chance

Scheitern als Chance

Donnerstag: Sprachbarrierefreier Abend

Es sagt sich so leicht, gewisse Dinge künftig nicht tun zu wollen. Das mit dem Fotokurs war ja eins davon. Deswegen halte ich mich mit entsprechenden Äußerungen auch zurück. Dennoch komme ich nicht umhin, meiner Hoffnung Ausdruck zu verleihen, im fortschreitenden Alter nicht eine Liebe zu romanischen Sprachen zu entwickeln oder gar zu entdecken, um mich dann an lauschigen Frühlingsabenden in der örtlichen Intellektuellen-Gastronomie mit Gleichgesinnten, bewaffnet mit einem Wörterbuch und einem trockenen Roten um eine Trikolore zu versammeln und auf’s Geratewohl über Gott, die Welt, meine Kinder, meine Urlaube - mein Leben gar - in der zum gewählten Setting passenden Zunge zu parlieren.

Nicht, dass jetzt ein Missverständnis aufkommt. Das ist ein ehrenhaftes Unterfangen und durchaus eine sinnvollere Verwendung seiner Zeit, als mit einem Buttermesser das Moos zwischen den Pflasterfugen zu entfernen oder seine CD-Sammlung nach Farben neu zu sortieren. Nur leider verliert diese wegen ihres Klangs, ihrer Melodie und ihrer wodurch auch immer zum Ausdruck kommenden Lebensfreude verehrte Sprache deutlich an ästhetischem Wert, wenn man sich ihrer bemächtigt, ohne sich vollends von der eigenen Landessprache und ihrer regionalen Färbung zu verabschieden. Fehlendes Vokabular leistet einen weiteren Beitrag zu Zähigkeit des Erzählten. Ist man zudem gezwungen, aus der eigenen Sprache entnommene Begriffe wie Castrop-Rauxel oder Schlussüberschussbeteiligung in diese Konversation mit einzuflechten, mutet der Klang fast schon verschroben an. Es ist wohl ein Spezifikum dieser Sprache, nur im Original wirklich sein volles akustisches Bouquet zu entfalten.

Ganz anders das Englische. Hier, in dieser doch verhältnismäßig simpel gestrickten Variante der verbalen Kommunikation klingt alles weltläufig und anregend. Sei es John Cleese, die schottische Färbung des “Trainspotting”-Ensembles, Lucky-Guy Lothar Matthäus oder ein Arnold Schwarzenegger. Hier kann’s jeder - auch wenn er’s nicht kann. Lieber als einen frankophilen Abend verbrächte ich nach derzeitiger Gemütsverfassung meine freie Zeit wohl damit, mich im Kreise ähnlich linguistisch interessierter Menschen vis-a-vis einer indischen Flagge zu setzen, um den dort gesprochenen Dialekt des Englischen einen Abend lang zu pflegen. Das ginge in besager Lokalität übrigens auch - denn neben Tarte und Couscous bietet die Karte dort auch Chapati und Dahl feil.

Wie das mit dem Französischen im ungünstigsten Fall klingen kann, hat Max Goldt in seinem Stück “Besuch bei Präsident Mitterand” festgehalten. Eine Hörprobe gibt es hier.

Mittwoch: Würdevoller Text mit Konjunktiven.

Es gibt so Sätze, die habe ich mich nie sagen hören wollen. “Ich komm gerade vom Fotokurs” ist so einer. Doch was soll man machen? Wollte ich sagen, es wäre nicht so, müsste ich lügen. Natürlich könnte ich ein wenig wabernd daherschwätzen, ich käme gerade aus einem Termin in der Fotoschule. Das aber wäre so, als würde ich mir angesichts der Auswirkungen des bisher erreichten Lebensalters auf meine  Oberseite die Haare hinten lang wachsen lassen, um sie anschließend wie beiläufig nach vorn zu kämmen: Irgendwie stimmt’s, aber irgendwie scheint es ein Akzeptanz-Problem zu geben.

So ist das wohl mit dem Älter- und vermutlich auch Erwachsenwerden: Man bemerkt es an Kleinigkeiten. In meinem Fall scheint ein Fotokurs dazuzugehören. Dass man plötzlich Oliven mag und geschmacksintensive Käsesorten soll auch so ein Anzeichen sein. Ebenso wie beim Einkauf von Einrichtungsgegenständen mehr auf Funktionalität denn auf die ästhetisch motivierte äußere Form zu achten. Richtig erwachsen, vielmehr beruflich bestens etabliert, ist man wohl, wenn man sich für Gegenstände entscheiden kann, die beides in sich vereinen.

In Vorbereitung auf meinen Salsakurs Fotokurs habe ich mir überlegt, was ich eigentlich so fotografiere. Das Ergebnis: Sachen und Leute. Abgesehen davon, dass das sicher stimmt, allerdings ein wenig unbestimmt ist, sind das aber vermutlich Bezeichnungen für etwas, das man höchstens knipst oder über die ein Autor etwas tippt - die also nicht mit dem rechten Würdewort bezeichnet wurden, das der ganzen Pracht der jeweiligen Tätigkeit und er damit verbundenen Mittel gerecht wird. Eine Würde, in der sich der die Tätigkeit ausführende gerne wähnt. Deswegen entsorge ich auch meinen Müll und schmeiße ihn nicht einfach weg. Ob meine Würde mit aufsteigendem Alter ab- oder zunimmt bleibt noch zu klären. Bis dahin tippe ich weiter.

Der vierte Dienstag im April.

“Boah, ganz schön anstrengend so ein Dreh”. Was Maria Furtwängler nun Dank Ihres Werbeengagements für einen Kosmetik-Hersteller weiß, ist in Branchenkreisen ja schon länger ein offenes Geheimnis. Vor allem Werbedrehs haben es hinsichtlich der Genauigkeit, in der die Regie meint, sie ausführen zu müssen, ja meist in sich. Eines allerdings ist wohl überall gleich, bei der Reklame wie beim “Tatort” - eine cinematographische Universalie gar vielleicht: Am Set ist das Handy auszuschalten, sonst kostet’s eine Runde Kaltgetränke.

Was man sonst noch über das richtige mobile Telefonieren wissen sollte, das hat das Informationszentrum Mobilfunk zum “Tag gegen Lärm“, der am Mittwoch begangen wird, griffig zusammengefasst. “Ein stilvoller Umgang mit dem Handy bedeutet, es so einzusetzen, dass es möglichst niemanden stört. Das fängt beim Klingelton an”, heißt es in der dazugehörigen Mitteilung. Der weitere Verlauf des Textes lässt sich am ehesten umreißen mit “projektbezogen adaptierter gesunder Menschenverstand”. Alles nur eine Frage des Stils, denn “Untersuchungen haben allerdings ergeben, dass in der Regel moderne Medizingeräte oder auch die Flugzeugelektronik ausreichend störfest gegenüber Mobilfunkfeldern sind. Immer mehr Fluglinien und Krankenhäuser erlauben daher die Nutzung von Handys”, weiß der Verein der Mobilfunkbetreiber noch mit einzubringen. Na dann.

Auf ein Handy vermutlich verzichten kann Sigmar Solbach. Dann läuft er wenigestens nicht Gefahr, angeschlossen an ein modernes Medizingerät oder umgeben von jeder Menge Flugzeugelektronik den Satz “Ich kann ohne Dich nicht leben” zu hören. Denn den empfindet er “als grauenhaft und als eine Art Erpressung“. Das weiß die “Frau im Spiegel” zu berichten. Zwar war Solbach mal Fernseharzt, aber im wahren Leben findet er es “ganz schlimm, wenn man klammert”. So muss sich Solbachs Frau die Blumen auch selber kaufen. Das dann allerdings nicht aus Prinzip, sondern weil sie dafür “ein viel besseres Händchen” hat. Und jetzt raten Sie mal, warum er und seine Fönfrisur Partys meiden. Genau: “Der ‘oberflächliche Smalltalk’ sei nicht seine Welt”, weiß “Frau im Spiegel”.

Sigmar Solbach ist eigentlich ein schöner Name. Da braucht es keine Verhohnepiepelung à la Sitzgurt Solbach, wie es mal bei “Voll daneben” mit Diether Krebs in der dortigen Reihe “Pit Cock” der Fall war (da gab es übrigens Flugzeugelektronik - und ich vermute der Dreh war boah, ganz schön anstrengend). Symbolvideo in Ermangelung anderer rasch verfügbarer Dokumente:

Unschön - wie überhaupt das ganze Phänomen - ist hingegen der Name der “Schweinegrippe“. Zumindest gibt es erste Beschwerden, dass das ja so nicht gehe und die Fleischindustrie in Verruf bringe (”‘Der Verzehr von Schweinefleisch ist sicher, vorausgesetzt, es ist gekocht’, betonte sie” [die EU-Gesundheitskommissarin]). Das NDR-Satiremagazin “Extra 3” hat daher auch einen Namenswettbewerb ins Leben gerufen. Mir gefallen die dort eingebrachten Vorschläge “Eine Grippe namens Babe” und “iFLu” ja recht gut. Das dort vorgeschlagene Horst kommt für mich nicht in Frage - so heißt mein mobiles Musikabspielgerät.

Das muss auch gleich als vorbeugende Maßnahme wieder einmal auf die Ohren gelegt werden. Anschließend muss ich mich wohl einmal ausführlich der Publikation “Retro  Magazine” widmen, die heute erstmals meinen Weg kreuzte. Vermutlich findet man mich für den Rest des Abends bei Zini, dem Wuslon. In diesem Sinne: Tschüüüüüüüüüüüüüüüß.

Der vierte Montag im April.

Willkommen im Mittelmaß - oder einfach nur bei den Dingen, die so gut sind, dass sie eine Vielzahl an Menschen mit ähnlicher Interessenlage beschäftigen, wenn nicht gar begeistern. Dank der Rubrik Humorkritik im Faktenblatt “Titanic” wurde mir heute gewahr, dass es mit www.stuffwhitepeoplelike.com die globalisierte Konsensliste bereits gibt. Von “Study abroad” über “Sushi” bis hin zu “The Wire” und “Wes Anderson-Movie” ist da schon eine erschreckend große Menge zusamengekommen. So viel zur Individualisierung der Massen. Schublade olé - als langjähriger Caster für die verschiedensten TV-Veranstaltungen habe ich es ja immer gewusst, aber niemand wollte mir Glauben schenken.

Das wäre nun hiermit abgehakt und bald kann ich dann also wieder mein Studium aufnehmen. Zumindest einen wesentlichen Teil davon. Denn was die Toskana für die ehemaligen Studenten der Zeit um 1968 herum ist, ist wohl für meine Alterskohorte das iPhone. Dafür nämlich ist bald das wirklich hervorragende Spiel “Worms” verfügbar. Rein quantitativ könnte man vielleicht sagen, ich hatte “Worms” damals mindestens als Nebenfach belegt. Nur leider fiel mir kein passendes Thema für die Abschlussarbeit ein. Lediglich hie und da ein “Yipppiehhh!” war bereits vor rund zehn Jahren etwas dünn für einen akademischen Abschluss - sogar bei den Geisteswissenschaftlern in Köln.

Else Buschheuer hat mal ein tolles Buch geschrieben, das ich nach der “Worms”-Phase gelesen habe. Ob ich dieses Urteil (toll) bestätigen würde, wenn ich es heute noch einmal läse, weiß ich nicht. Ich weiß aber, das “Ruf! Mich! An!” in meinem “Berliner Jahr” um die Jahrtausendwende mindestens einen meiner Nerven ziemlich genau getroffen hat. Else Buschheuer hat in den vergangenen Jahren auch viel gebloggt. Nun bloggt sie weniger und twittert dafür. Warum? Wenn ich sie recht verstanden habe, weil sie wieder Bücher schreiben und anschließend auch verkaufen will. In einem äußerst lesenwerten Interview mit dem “Kultur Spiegel” hat sie unter anderem gesagt:

KulturSPIEGEL: Geht denn nicht beides: Bloggen und Romane schreiben?

Buschheuer: Das ist schwer. Einen Roman zu schreiben, bedeutet, sich Dinge zu notieren und wegzulegen. Irgendwann wachsen sie zu etwas heran, was Literatur wird, was sich ins große Ganze fügt. Wenn man sich aber diese kleinen Geschichten selbst wegnimmt und sie sofort publiziert, weil da dieser Drang ist, die Leser zu füttern - dann sind die Leser irgendwann satt. Das ist wie mit einer Schauspielerin, die in jeder blöden Talkshow rumsitzt, in jeder kleinen Serie mitspielt, bis die Leute sagen: “Ach, diese Lara Maria Schießmichtot schon wieder”.

KulturSPIEGEL: Sie wollen sich rar machen.

Buschheuer: Ich muss. Ich war vier Jahre lang eine Schriftstellerin, die von ihren Romanen leben konnte. Durch das systematische Bloggen habe ich den Wert meines Schreibens zerstört.

Das putzige Detail am Rande des großen Blondinen-Schießens beim FC Bayern München heute war für mich, wie Uli Hoeneß die Zusammenkunft der Vereins-Oberen am Sonntag schilderte. Man habe zusammengesessen und irgendein Spiel gegen Cottbus verfolgt, das der Club irgendwo aus irgendeinem Grund zu der Zeit bestritten hat. Verfolgt wurde das Spiel am “Teletext” - Premiere habe es dort nicht gegeben. So weit, so süß. Was aber, so fragte ich mich in dem Moment, wenn das Teletext-Angebot von ARD und ZDF den bald obligatorischen Drei-Stufen-Test für die Telemedien-Angebote der Öffentlich-Rechtlichen - auch die bereits etablierten - nicht bestehen sollte. Ein Gedankenspiel, das mich immer wieder mal umtreibt.

Von Fußball verstehe ich ja meist noch weniger als vom Wetter. Als Beifahrer - noch dazu in verhältnismäßig flotten Autos - sollte man es sich zu eigen machen, im rechten Moment, vielmehr rechtzeitig einfach mal die Schnauze zu halten. Zu vermeiden sind Dialoge dieser Art: “Dieser DFB-Pokal, oder wie der heißt. Sag mal, ist der irgendwie wichtig?” - “Ja natürlich!” - “Und warum siehst Du Dir dann das Finale nicht an?” - “Grmpf. Ja weil ich da unterwegs bin.” - “Soll ich Dir eine SMS schicken, wie es ausgegangen ist?” - “Du hast wohl Lust, bei Tempo 220 auszusteigen?” - “Schafft der Wagen die denn überhaupt?”. Irgendwo bin ich da wohl ganz zu Beginn des Gesprächs falsch abgebogen. Ist aber nochmal gut gegangen - obwohl das Fahrzeug die versprochene Geschwindigkeit sogar noch übertroffen hat.

Wer hingegen mal sehen will, wie man etwas richtig und sehr gut macht, der sollte sich mit der Kampagne auseinandersetzen, die BBDO für die Christoffel Blindenmission entwickelt hat. Der Kern der Kampagne in aller Kürze: “Anstelle der üblichen lorem ipsums, quick brown fox und oxmox appelliert die Christoffel Blindenmission an die Werbebranche, sich in den Dienst der guten Sache zu stellen und zukünftig einen neuen Blindtext mit einer Botschaft der Christoffel Blindenmission in allen Layouts einzusetzen.” In voller Länge ist das Projekt hier beschrieben.

Damit ist der Tag auch schon wieder so gut wie rum. Wie immer steht die alte Frage im Raum: Apfel oder Banane und wer macht eigentlich immer so viel Geschirr schmutzig?

Ein Wochenende im April.

Hund - wurde auch nicht umarmtDas also war das Wochenende. Keinen Baum umarmt. Dafür alte Freunde. Der Blick auf den stummen Verkäufer, der die überregionale Boulevardpresse bereithält, brachte am Samstag zunächst nichts als Frust über den Stillstand in diesem Lande. Neben der Überschrift “Die Schönsten beim Filmpreis” prangte ein Bild von Veronica Ferres. Heda, Blattmacher: Wir haben 2009.

Dafür konnte ich meine Fertigkeiten in Sachen “Schöner Shoppen in der Stadt” (Eigenwerbung Karstadt) ein wenig aufpolieren. Präzision beim Einholen von Auskünften ist Trumpf. “Wo finde ich Geschenkpapier” erschien mir bis dato als hinreichende Frage. Nach dem angewiesenen Gang an die dritte Regalreihe jedoch wurde ich eines besseren belehrt. “Ich muss meine Frage präzisieren: Wo haben Sie schönes Geschnenkpapier?” Es blieb mir nichts anderes übrig, als auf ein monochromes Modell auszuweichen.

Wieder was gelernt. Kann mich also gemein machen mit Carola Kloppel, der Gattin des RTL-Nachrichten-Steiftiers Peter Kloeppel. “Erst in Deutschland begriff ich, dass das Unmögliche möglich war”, so Frau Kloeppel. Die bahnbrechenden Ergebnisse, die das Max Planck Institut vorweisen kann? Bernd Stelter? Draußen nur Kännchen? Weit gefehlt. Die Zeitschrift “Für sie” gibt Aufschluss: “Als Amerikanerin hatte Carola Kloeppel keine Ahnung, dass es nicht nur grünen, sondern auch weißen Spargel gibt. ‘Hätte man mir erzählt, dass es dieses Gemüse auch in Weiß gibt, hätte es genauso unwahrscheinlich geklungen wie weißer Spinat’”. Das steht da wirklich drin. So wie auf dem Titel die Frage prangt: “Welche Frisur macht wirklich jünger?“. Dabei weiß man das doch schon bereits seit Erreichen des Jugendalters, in welchem man versucht, mittels einiger halbwegs geschickter Handgriffe eine gegenteilige Wirkung zu erzielen: Die, die man dem Geburtsdatum in entsprechenden Ausweispapieren zuteil werden lässt.

Das neue Album von Art Brut indes kann mich nicht so recht vom Hocker reißen. Die Erkenntnis reifte während einer nächtlichen Autofahrt. Mein Fazit: Handwerklich wird die Band - zahlreichen Auftritten sei es wohl gedankt - immer sauberer. Musikalisch immer noch state of the own art ohne nennenswerte Variation. Textlich kann die Brillanz von früheren Aussagen wie “I saw her naked. Twice!” oder “See him on the dance floor go now - boy those moves I just don’t know how” nur noch gestreift werden mit der Formulierung von einleuchtenden Statements wie “The record-buying people shouldn’t be voting“. Eins ist aber klar: Das Leben von Eddie Argos, das sich um Comics, seine Vorliebe für den öffentlichen Personenverkehr, Mädels und Musik, Musik, Musik dreht, ist noch lange nicht auserzählt. Seine anhaltende Adoleszenz offenbar auch nicht.

Dafür konnte ich während Argos gniedelte und sang am eigenen Leib erleben, welche Freude es tatsächlich bereiten kann, ein Auto aus Stuttgarter Fabrikation zu steuern. Geschmälert wurde die Freude nur dadurch, dass in Folge der Komplexität der Schaltkonsolen ein Weilchen lang nur die “ARD Popnacht” aus der an sich exzellenten Musikanlage quoll. Was bitte soll das denn? Unfassbarer Schmonz, der einem da die Zornesröte ins Gesicht treibt und auf dann doch wieder angenehme Weise von den Mittelstreifenschleichern ablenkt. Mit Musikanlagen ist es wohl wie mit dem Internet: Es kommt drauf an, was man draus macht.

Ein kurzer Schluff zum Kiosk am Sonntag - der Begriff Gang wäre hier wohl arg beschönigend - belegt: Das Wetter ist keineswegs so erfreulich, wie es sich im - zugegenberweise recht schlierigen - Schaufenster präsentiert. Da kann man also guten Gewissens das Internet vollschreiben und die Kaffeemaschine entkalken ohne sich vor der Sonne rechtfertigen zu müssen, warum die als freie Natur gelabelten Grünflachen, die die Stadt freundlich-funktional bereithält, nicht aufgesucht werden, um sich Bälle herumtollender Hobby-Kicker an den Kopf schießen zu lassen (”Sooooooryyy!”). Hatte mich zuvor schon besorgt gefragt, welche anatomische Laune es schafft, die Füße derart erkalten zu lassen. Temperaturfühligkeit beginnt wie so vieles im Kopf.

Ach, und was die Arbeit betrifft: Einige Erkenntnisse aus dem Fernsehseminar vom Freitag sind mittlerweile auch online. Bleibt nur noch die Frage, was ich heute wohl anstelle, um mit möglichst großer Sicherheit den “Tatort” zu verpassen. Vielleicht schafft es der aktuelle “Radio-Tatort“. Denn der stammt dieses Mal aus der Feder von Helmut Krausser.

Ein Freitag im April.

Tor zu weil Nebel

Tor zu! Weil Nebel. Nein, ich war heute nicht bei einer Aufzeichnung einer Volksmusiksendung des ZDF, sondern bei einem Seminar der Firmen HMR International und Brainpool zum Thema Fernsehunterhaltung, das im Studio von “TV total” abgehalten wurde. Eine spannende Erkenntnis: Im Branchentalk verwendet Stefan Raab, der sich ansonsten unaufgeregt authentisch gibt und mit leuchtetenden Augen den Spaß und die Vermeidung der Langeweile in den Mittelpunkt stellt, auffällig oft die Phrase “am Ende des Tages“, mit der man in der Geschäftswelt derzeit das Fazit sprachlich markiert.

Das bringt mich darauf, dass ich immer schon einmal die Moden der Zustimmungsrhetorik  umreißen wollte. Ist man heute “ganz bei mir”, wenn man einer ähnlichen bis gleichen Auffassung ist, so ging man ging man vor rund zehn Jahren in dieser Sache “mit mir konform“. In den achtziger Jahren hingegen war man “mit mir ganz d’accord” - so erinnere ich mich vage. Bedenkt man das wachsende Selbstbewusstsein der jüngeren Generation und  die steigende Indivualisierung, so könnte bald “das war auch mein Gedanke” die neue Catchphrase werden. Gab’s aber schon zu Schulzeiten - hieß damals “Das wollte ich auch sagen”. Oder es wird - von Facebook lernen, heißt Siegen lernen -   ein schlichtes “Gefällt mir”. Überhaupt erfahren ja viele Begriffe durch die Vernetzung gerade eine Umdeutung - per Klick wird man zum Freund oder Fan. Das war früher noch harte Arbeit. Der Freund hingegen wird zum Buddy, der Bekannte zum Mate.

Street art in der MedienstadtBei Facebook ist im Übrigen noch immer nicht allzu viel los. Es wird Zeit, dass eine Heuschnupfen-Anwendung Einzug in die Community nimmt. Markus sent you some Pollen by using Birke. Sabine gefällt dies. - Boah. Ganz schön gemein. - Macht aber Spaaaassss. - Eigenen Kommentar eingeben. - Irgendwie so. Hätte jemand mal die Muße und Güte, das auf den Weg zu bringen? Am Ende des Tages wird das sicher auch mit einer guten Performance belohnt, denn das sind die Needs der Userschaft. Das Tagungssprech muss sich erstmal wieder über Nacht rausschlafen.

Das wird auch bald passieren. Feierlichkeien zum Weltbiertag - oder was das war - sind gestrichen. Muss mich nun endlich entscheiden, was am Samstag auf die Fahnen geschrieben werden soll: Welttierversuchstag, Weltmalariatag oder Tag des Baumes. Ich glaube der letzte wird’s. Hoffentlich findet sich im Westfälischen einer, der sich umarmen lässt.

Vielleicht tröste ich aber einfach auch nur ein paar Kinder, nachdem Peer Steinbrück einigen von Ihnen stellvertretend - frisch, fromm, frei - zugerufen hat: „Ihr müsst darauf setzen, dass es mehr Wachstum gibt und aus diesem Wachstum eine Tilgung der Staatsschulden folgen kann. Das heißt, ihr werdet euch anstrengen müssen“, sagte er Schülern, die ihn für die “WamS”-Beilage “Kinderleicht” interviewt haben, auf die Frage, ob sie mehr als ihre Eltern arbeiten müssen.

Apropos Kinder: Mit dem Soundtrack von “Juno” ist dann wohl heute auch so etwas wie ein ideales Frühlingsalbum in meinem Postkasten eingetrudelt. Was für ein - man verzeihe den Begriff - zauberhafter Film im besten Sinne des Wortes. Eine klare Geschichte geradlinig erzählt - völlig überraschend ohne Überraschung und angefüllt mit wundervollen Brüchen mit der klassischen Teenie-Film-Erzählweise. Voller subtiler Momente und mit dem Typ, dem Fonzy noch nicht mal mit der Kneifzange zugewunken hätte, als der - irgendwie auch glaubhaft - coolsten Sau der Schule, ach was, der Stadt. Liebevoll geschrieben, toll gespielt, hervorragend inszeniert - um einiges liebenswerter als die brachial lebensbejahende und maßlos überbewertete “Little Miss Sunshine”.  Somit entschwinde ich in die Nacht mit einem Lied auf den Lippen und summe über das Wochenende vor mich hin: “We won’t stop until somebody calls the cops and even then we’ll start again and just pretend that nothing ever happened”.

Ein Donnerstag im April.

Spargel, frischer SpargelErinnert sich eigentlich nur noch die Enklave aus Hamm an den wundervollen Song, den Willie Tanner für seinen Sohn Brian geschrieben hat? “Denn Spargel, frischer Spargel, der will Euch Gesundheit geben”. - Und wer ist Tante Mable?

Und wann haben Sie Angela Merkel zum letzten Mal gesehen? Theoretisch am Ende des Tages 1,167 Mal. “Jeder Deutsche begegnet pro Monat mindestens 35 Mal Angela Merkel”, teilt die PressWatch GmbH heute mit. Peer Steinbrück hingegen läuft einem nur elf mal monatlich medial vermittelt über den Weg.

Trotzdem ist der Frühling da. Die rechte Zeit, um Rammstein wieder einmal im Regal von hinten ganz nach vorne zu schieben. Und wohl auch Anlass für so manchen Jubeltag. Die Brauer lassen uns wissen, dass am morgigen Freitag, am Tag des Bieres, des Reinheitsgebots aus dem Jahr 1516 gedacht wird. Sollte man sich am Freitag-Abend im Freudentaumel einen Kater zuziehen, so ist das nur billig und recht, denn am Samstag, so erinnert die Internet-Community Vivatier, ist Welttierversuchstag. Aber bitte nicht zu Hause nachmachen.

In diesem Zusammenhang sei auch noch in Erinnerung gerufen: “Auch für die deutsche Behälterglasindustrie ist der Tag des deutschen Bieres von großer Bedeutung. Denn schließlich werden nach wie vor fast 90 Prozent aller im Handel gekauften Biere und Biermischgetränke in Glas verpackt”, weiß das Aktionsforum Glasverpackung. Ein Musterbeispiel für anlassbezogene PR.

Aber bei aller Biertaumeligkeit in den milden Monaten: “Fast jeder zweite in Deutschland lebende Bürger, nämlich genau 48 Prozent, könnte am ehesten ohne Alkohol leben, wenn es darum geht, worauf man 14 Tage freiwillig verzichten kann”, hat Emnid für uns und im Auftrag von “Reader’s Digest” herausgefunden. “Indes, der Verzicht auf Sex kommt für die meisten Befragten praktisch nicht in Frage”, ist da weiter zu lesen. Was heißt denn praktisch: “Och, eigentlich muss es heute gar nicht, aber nun ja. So sei es halt.”?

Noch immer ist keine Entscheidung gefallen. Engagement in der Partei - oder abwarten, bis es Pflicht wird? Der Auftritt des großen Martin Sonneborn im “Nachtcafé” jedenfalls spricht für Ersteres. Da bedanke ich mich doch bei mir für die Frage.

Eine wahre Wundertüte bleibt die “Spiegel Online”-Community “einestages“. Kaum passt man mal nicht auf, schon hat man sich reingeklickt (meine Empfehlung: Anreißer genau studieren - bezieht man sich auf popkulturelle Phänomene aus den 80ern: Obacht!). Doch heute war der Klick ein wahrer Augenschmaus: Eine Bilderstrecke randvoll mit Ghetto-Blastern - und direkt daneben eine mit Digitaluhren. Unbeschwerte Zeiten kommen wieder hoch.

Erfahrene Anleger wissen hingegen längst: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist. So ähnlich hat das die dpa heute aufgeschrieben. Allerdings hat man es schöner formuliert: “Auch der Name Rupert Murdoch, bereits beim Bezahlsender Premiere engagiert, fällt in diesem Zusammenhang wieder. Doch auch den plagen mit seiner News Corp. finanzielle Sorgen. Es könnte aber auch ganz anders kommen oder alles beim alten bleiben.”

Und sollte Markus Lanz tatsächlich hier und da in die Fußstapfen von Johannes B. Kerner treten, so sei an dieser Stelle schon einmal Titelschutz angemeldet für “Lanz und Leute”, “Lanz’ Leute” und die Fußballsendung “Lanz-Mannschaft”.

Und nachdem ich während ich dies schrieb die ganze Zeit tatsächlich Rammstein auf den Ohren hatte, habe ich jetzt was mehr? Na klar: Keine Lust.

Darum schließe ich mit einem Satz aus einer der ersten Folgen der ersten Staffel “Pushing Daisies“: “Ungewöhlich vielleicht, nicht seltsam. Irgenwie exzentrisch auf eine kuriose Art und Weise - wie Dessertlöffel.”