Absprung in Brüssel
Ich mag die Beatsteaks. Vor allem live. Warum? Darum.
Aufschreiber >>> Ausdenker
Ich mag die Beatsteaks. Vor allem live. Warum? Darum.
Es sind und bleiben wohl die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen. Im Zuge eines akademisch angehauchten Hobbyprojektes sehe ich mich (wieder einmal) mit der Notwendigkeit konfrontiert, mich statistisch weiterzubilden und dies auch noch im weiteren Jahresverlauf erfolgreich dokumentieren zu müssen beziehungsweise sollen. Auf vielfachen Rat meiner Mitstreiterschaft versorgte ich mich mit dem Werk “Keine Panik vor Statistik!” der Herren Oestreich und Romberg. Es handelt sich dabei um eine ebenso fachlich versierte wie launige Einführung in die Welt der Mittelwerte, Normalverteilungen und Gini-Koeffizienten.
So schön das auch ist und so lässig die beiden auch argumentieren und den psychologisch abschreckenden Stoff wohl schon großen Heerscharen an Studierenden nicht-technischer Studiengänge nahe gebracht haben und für so manche Rettung in letzter Sekunde sorgten: Es ist gerade jener klischee-beladene Ingenieurshumor, der mir die Lektüre nahezu unmöglich macht (und dabei ist der Stoff wirklich gut erklärt). An “Das Leben des Brian” angelehnte Cartoons sind da nicht gerade hilfreich. Und so nett die jungehaften Neckereien und Trinkerlebnisse der promovierten Autoren in den Fußnoten auch sind - es fängt irgendwann an zu nerven.
Bis gerade eben.
Denn Fußnote 18 in Kapitel 5 hat mich versöhnt mit den beiden technisch orientierten Schreibern, die sich zuvor geisteswisschensschaftlichen Herangehensweisen gegenüber nicht gerade sonderlich empathisch gezeigt haben. Es ist die vielleicht schönste Erkenntnis des heutigen Tages, die mein Linguisten-Herz höher schlagen lässt und mit der ich an dieser Stelle nicht gerechnet hätte:
“Aldi ist übrigens das einzige Wort in der deutschen Sprache, wo die Präposition ‘bein’ angewendet wird. Es heißt: ‘Ich, Du, er, sie, es, wir, Ihr, Sie war(en) gestern bein Aldi’”
Dafür danke.
Bevor ich es besser wusste, wollte ich gerne Franzose sein. Aber nicht wegen obskurer Schalentiere, einer gewissen Haupstadtfixierung oder einer Vorliebe für filterlose Zigaretten und langatmige Filme ohne Handlung - nein: Ich wollte Franzose sein, weil ich das Land in meiner Kindheit ganz weit vorne sah, als so was wie einen Innovationsführer. Denn in Frankreich war der wundervolle Dienst Minitel - ein Pendant zu unserem BTX - nicht nur bereits seit 1982 verfügbar, sondern auch recht weit verbreitet. Zwar habe ich nie so wirklich begriffen, was BTX alles konnte und wofür man das brauchte (auch Kabelfernsehen gab es in unserer Stichstraße nicht), aber die Verbindung von Schreibmaschine, Fernseher und die Welt da draußen hat mich schon sehr fasziniert. Im Juni 2012 wird Minitel eingestellt. Pressetext meldet dazu heute:
“In Frankreich war der Online-Dienst Minitel derart beliebt, dass er die Einführung des Internets verzögert hat. ‘Die angebotenen Dienste sprachen für sich. Telefonbuch und der Ticketkauf über das Minitel haben eine hohe Akzeptanz geschaffen’, erklärt Monika Haberer, Wissenschaftlerin an der TU-Kaiserslautern. Sie hat sich mit dem Minitel im Internetzeitalter beschäftigt. Die Durchsetzung des Videotextservice wurde zudem vom Staat gefördert, gratis angebotene Geräte sollten so unter den Nutzern Akzeptanz fördern.”
Lieber Bezahlfernseh-Anbieter Sky,
ich muss jetzt einfach mal danke sagen, denn Deine Vertriebsstruktur hat mich heute vor einem für mich kostenintensiven Geschäft bewahrt. Stell Dir vor: Aus einer Laune heraus, wollte ich heute aus eigenem Antrieb und ohne Ansprache durch Propagandisten oder Postkasten-Invasionen einfach mal so einen Jahresvertrag bei Dir abschließen. Sogar die rund 100 Euro Servicegebühr für so ein Aufnahmedings hätte ich gezahlt. Ich hatte gute Laune, so etwas wie Ferienstimmung und ließ mich zu der Überzeugung verleiten, dass es doch irgendwie reizvoll sein könnte, jeden Tag und ohne weiteres Runtergelade, in den Laden-Gerenne oder auf den Postboten-Gewarte zumindest die Möglichkeit zu haben, hochwertige und halbwegs aktuelle Filme schauen zu können. Lustig, oder?
Gott sei Dank hast Du ja Deine Signale mit Einzelhändlern und Vertriebspartnern gesichert. Und so will ich mich in meinem postpubertären Leichtsinn in einem Elektronikfachmarkt mit großer Fernsehabteilung beraten lassen. So von wegen: Wie ist das mit dem Festplattenrekorder und wie läuft das jetzt mit der Karte? Weil ich bin ja auch noch Kunde bei diesem knorke Kabelnetzbetreiber. Achso, entfuhr es da dem Verkäufer sinngemäß. Dann geht das ja gar nicht. Dann gehen sie am besten zu dem und schließen den Vertrag da ab. Der hat ja seinen Laden da drüben quer über die Straße. Achso, entfuhr es mir, dann mache ich das mal.
Wie es weitergeht weißt Du vermutlich selbst: Ist man erstmal bei denen im Laden sieht man sich kurzerhand in eine derart abgefahrene DreiPlay-HD-Festplattenrekorder-Multimediadosen-unser-Techniker-käme-dann-nicht-vor-nächster-Woche-die-Broschüre-die-Sie-da-haben-ist-gar-nicht-mehr-aktuell-ach-ja-doch-Diskussion verwickelt, dass man das “Ja, Sky können wir Ihnen auch freischalten”, nur noch halb mitbekommt und gedanklich schon wieder im Elektronikladen ist, um sich stattdessen eine schöne DVD zu kaufen. Und weißt Du was: Die kuck ich jetzt.
Schönen Gruß nach Unterföhring!
Es ist ja kein Geheimnis, dass Köln einen Großteil seines Charmes aus Dreck, Lautstärke und Alltagsscheitern bezieht. Umso schöner ist es doch dann, wenn einem mit einer Pocketkamera in HD das geeignete Gerät in die Hände fällt, mit dem sich dokumentieren lässt, wie schön es hier zuweilen sein kann. Ich lass das einfach mal wirken…
Ich mag ja diese TV-Seminare, Summits und Tagungen. Am Freitag war wieder so eine in Köln. Im Studio der Sat.1-Sendung “Die perfekte Minute” ging es auf Einladung von Shine Germany - der Firma, die eben jene Sendung produziert - und der Beratungsfirma HMR international rund um Factual Entertainment. Um Sendungen also, die unterhaltsam und kurzweilig sind, obwohl sie irgendwas dokumentieren. Gut, ok, oft dokumentieren sie irgendeinen Kappes. Den Bau von Mettigeln zum Beispiel. Oder Scheunenfeste. Das spricht aber nicht gegen die Darstellungsform. Man kann es auch so machen wie Rach, oder so wie die BBC.
Das hat nach dem Deutschen Fernsehpreis mittlerweile auch der WDR bemerkt und eine Abteilung für Dokumentarische Unterhaltung ins Leben gerufen. Deren Chef heißt Heiner Backensfeld. Das programmatische Vorgehen der WDR-Unterhaltung beschrieb er bei der Tagung so: “Wir machen Show und Comedy. Wir machen alles das, was die anderen nicht machen”. Ähnlich konkret sind auch die Vorstellungen, die Backensfeld für seinen Programmbereich hat: “Alles, was bei der BBC läuft, könnte ich mir auch bei uns vorstellen”.
Ein Format, auf das momentan alle scharf sind, ist “Undercover Boss“. Die Sendung kommt aus dem britischen Studio Lambert, lief nicht bei der BBC - sondern bei Channel 4 - und als Adaption bei CBS. Dort hatte es seine Premiere unmittelbar nach dem Superbowl. Man war ein bisschen skeptisch, weil direkt nach der Sportsendung die Zuschauerzahl auf 37 Millionen abgesackt ist, sagte Lambert-Boss Stephen Lambert. Im Schnitt reichte es dann bei der ersten Staffel aber doch noch für 17,7 Millionen Zuschauer (für die, die sich wie ich mit US-Quoten nicht sooo gut auskennen: es war der erfolgreichste Neustart der Saison). Und alle, alle wollen es haben - finden aber keinen Chef, der mitmacht, sagte ProSiebenSat.1-Factual-Chef Florian Falkenstein.
Und so sieht der “Undercover Boss” in den USA aus:
Lambert produziert eine Menge - für UK und die USA. Die komfortable Situation auf der Insel: Man könne Ideen als Papierpiloten verkaufen - anders als in den meisten Ländern. Na und wenn man schon eine (voll bezahlte) englischsprachige Version vorliegen hat, dann kann man damit auch um die Welt tingeln. Vorsichtig ist Lambert allerdings bei der Frage, warum Erfolgsformate wie “Master Chef” in Deutschland nicht in die Puschen kommen wollen - man erinnere das “Deutschlands Meisterkoch”-Desaster bei Sat.1. “Die Shows sind in Großbritannien zu großen Hits gewachsen. Das Publikum hat nach und nach den Weg zu ihnen gefunden”, sagt er. Also das, was alle immer sagen, was meistens stimmt aber sich niemand mehr leisten kann: Wenn eine Sendung gut gemacht ist, dann findet sie langfristig auch ihr Publikum. Mit Betonung auf langfristig.
Das Factual Entertainment Summit war auch deswegen bemerkenswert, weil man aus der Not des - zumindest in Sachen Catering - offenbar knappen Budgets die Tugend des Lokalkolorits machte. “Kölsch-bayerische Spezialitäten” waren für die Mittagspause angekündigt. Nachdem den Vormittag über gerätselt wurde, war gegen 13 Uhr klar: Schön Frikadellschen mit süßem Semf. Und auch wenn es bereits zum Mittag geläutet hatte, so durfte auch eine zünftige Weißwurst nicht fehlen. Dass es mit dem Kulturaustausch dann aber doch noch nicht so gut klappen will, zeigte jener Versuch des Zuzelns op kölsche Art.
Und wie die Fernsehmacher ihrer Angst vor der Scripted Reality bei der Veranstaltung Ausdruck verliehen haben, davon berichte ich hier.
Es ist nun schon eine Woche her, aber was dort diskutiert wurde, ist seitdem nicht uninteressanter geworden. Während des Grimme-Seminars “Was gibt’s zu lachen?” sprachen am vergangenen Donnerstag in Köln unter anderem Autor und Kabarettist Sven Kemmler und S. Fischer-Lektor Volker Jarck über den fast schon unfassbaren Erfolg, den Bücher von Comedyautoren derzeit im Handel feiern. Es wirkt, “als hätte es mit Zaubertinte einen Aufruf gegeben”, jeder Fernsehautor müsse nun einen Roman schreiben, scherzte Jarck.
Ihm als Lektor kommt die Welle allerdings sehr gelegen. Abgesehen davon, dass Bücher von Autoren wie Eckhart von Hirschhausen, Tommy Jaud, Moritz Netenjakob und Ralf Husmann sich bestens verkaufen, erschließen sie auch neue Zielgruppen. Diese Autoren seien in der Lage, mit Büchern wie “Vollidiot” und Co. “viele bekennende Nicht-Leser oder Erst-Leser” zu erreichen, so Jarck. Auch Künstler Kemmler ist froh über den Trend. Seine These: “Für den Comedian ist das Buch heute, was früher die CD war: Es lässt sich über einen längeren Zeitraum gut in kleinen Einheiten verkaufen und die Piraterie ist noch kein allzu großes Problem”.
Auch aus ganz persönlichen Gründen gefällt Lektor Volker Jarck der derzeitige Trend beim lustigen Buch: “Ich arbeite wahnsinnig gern mit Profis zusammen”, bekannte er. Der große Vorteil bei der Arbeit mit TV-Schaffenden: “Autoren, die schon für’s Fernsehen geschrieben haben, kennen so etwas wie eine Deadline”. Sie seien zudem “pflegeleicht, weil kritikfähig”. Immerhin müsse es sich ein Fernsehautor gefallen lassen, dass selbst die Kabelhilfe noch am Geschriebenen herummäkelt. Im Gegensatz zum Literaten, der sich zu Höherem berufen fühlt, sei der Fernsehschreiber schon froh, wenn nur einer reinredet und kurz vor Drucklegung nicht doch noch alles umschmeißt oder das Buch um 100 Seiten kürzt.
Die inhaltlichen Vorteile laut Jarck: Fernsehautoren denken fast schon intuitiv in abgeschlossenen Episoden. Das komme männlichen Lesern, die ein klares Ergebnis bei der Bettlektüre bräuchten, sehr entgegen. Entsprechend kürzer seien die Spannungsbögen. Es geht schneller zur Sache. Allerdings gibt der Lektor zu bedenken, dass bei männlichen Lesern und lustigen Stoffen erst Berührungsängste abgebaut werden müssten - vor allem dann, wenn die Männer-Bücher auch den Frauen gefallen. “Männer brauchen Zeit, den Autor neben sich zu akzeptieren. Sie wollen ihre Frauen selber unterhalten”, erklärte er.
Christian Wulffs Amtsvorgänger war auch nicht der bis dahin beste auf dem Posten, hatte aber eine präsidialere Ausstrahlung.Stell Dir vor, RTL II macht eine spektakuläre Pressekonferenz und morgens steht schon alles in “Bild” und “Stern”.
